Das besondere Foto (1): Das Stellwerk in Gerdauen/Ostpreußen

Mit meiner neuen BLOG-Serie "Das besondere Foto: ..." möchte ich in meinem BLOG in loser Folge Einzelfotos vorstellen, die entweder eine historische Bedeutung, einen historischen Bezug oder etwas Ungewöhnliches an sich haben. Es sind Fotos, die man sonst so nicht oder nicht mehr sieht oder die die Geschichte schon längst überholt hat. Ein Großteil dieser Fotos ist noch als DiaPositiv entstanden, so dass so manches Mal die Qualität, nicht aber das "Auge" zu wünschen lässt.

Meine zweite Reise ins nördliche Ostpreußen (unter russischer Verwaltung) im Jahre 1995 verschlug mich unter anderem in die Grenzregion zum südlichen Ostpreußen (unter polnischer Verwaltung), in die ehemalige ostpreußische Stadt Gerdauen. Der Ort Gerdauen, der im Jahre 1939 knapp über 5.100 Einwohner zählte, war bis ins Jahr 1945 die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises Gerdauen.
Nach der Aufteilung Deutschlands im Jahre 1945 fiel Gerdauen gerade noch in die sowjetische bzw. heutige russische Besatzungszone. Die Grenze zwischen dem polnischen und dem russischen Teil Ostpreußens wird auch häufg als der "Schwerthieb Stalins" bezeichet.
Nun ist es wahrlich nicht selten, dass noch die alten deutschen Gebäude in Ostpreußen, sowie in den anderen preußischen Ostprovinzen, in bestem Zustande vorhanden sind. Viele dieser Gebäude haben die nach 1945 erbauten sowjetischen Bauwerke längst überdauert.
Ein weniger gut erhaltenes Gebäude war das alte Stellwerk in Gerdauen, in der Nähe des örtlichen Bahnhofes. Im Normalfall ist es lediglich ein altes Gebäude ohne weitere Bedeutung. Wie bei alten Fotos ist der historische Wert erst dann gegeben, wenn dieses Bild beschriftet ist und man weiß, um welche Stadt oder Personen es sich in der Aufnahme handelt.
Und eben das Besondere an dem alten Stellwerksgebäude ist der deutlich erkennbare Ortsname "Gerdauen", der Reisende schon einige hundert Meter vor dem Bahnhof auf den nächsten Halt hinwies.
Als ich das Gebäude das erste Mal leibhaftig vor Augen hatte, war es weitaus mehr, als eine Reise in die deutsche Vergangenheit. Es war greifbar, die deutsche Vergangenheit war in diesem simplen Schriftzug mehr als gegenwärtig, da sie "beschriftet" war.
Und somit gehört dieses Stellwerk (befände es sich im heutigen Bundesgebiet, würde es keines Blickes gewürdigt werden) zu meinen eindrucksvollsten Aufnahmen, die ich 1995 aus dem nördlichen Ostpreußen in meinem Gepäck mit nach Hause brachte.

Andreas Springer

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bilderbuch für Kinder "Mia findet Antworten" der Justizvollzugsanstalt Uelzen jetzt publiziert

Bildband "Der Erste Weltkrieg in Farbe"

THE BLACK EDITION seit dem 17.10.2020 als Dauerausstellung im Historischen Torhaus Markkleeberg/Sachsen